BilMoG – Weit mehr als nur eine Rechnungslegungsreform

Obwohl seit der Vorlage des Referentenentwurfs zum BilMoG nun fast drei Jahre vergangen sind, ist dieses Thema unverändert aktuell und präsent in der Diskussion. Auch wenn sich zahlreiche Autoren bereits um die Analyse des BilMoG verdient gemacht haben, steht der umfassende Praxistest noch aus. Umso wichtiger ist die ganzheitliche Betrachtung der Neuregelungen, denn das BilMoG ist weit mehr als nur eine Reform der Rechnungslegung – dies verdeutlichen die nachstehenden Ausführungen.

(1)      Zunehmende Berichterstattungspflichten

Die Unternehmenspublizität in Deutschland wird differenzierter und diversifizierter. Einerseits befreit das BilMoG kleine Einzelkaufleute von der Rechnungslegung, um diese zu entlasten. Im Publizitätsgesetz gewinnt jedoch bei der Beurteilung der Konzernrechnungslegungspflicht die Unternehmenseigenschaft natürlicher Personen an Bedeutung. Gleichzeitig werden die Berichtsinstrumente kapitalmarktorientierter Unternehmen aufgewertet und eine deutliche Ausdehnung der Anhangberichterstattung vorgenommen. Die damit einhergehende Transparenz birgt neben dem zunehmenden Aufwand der Informationsermittlung und -bereitstellung für die Unternehmen auch neue Risiken: Die Ausübung von Ansatz- und Bewertungswahlrechten sowie von Ermessensspielräumen wird an vielen Stellen im Anhang transparent, bspw. bei der Nutzungsdauer aktivierter Geschäfts- oder Firmenwerte oder den Einschätzungen bei der Abgrenzung latenter Steuern.

(2)      Neue Abbildungsregelungen in der Rechnungslegung und bilanzpolitische Möglichkeiten

Das BilMoG bewirkt zahlreiche Veränderungen bei Bilanzansatz, Bewertung und Ausweis in der einzelgesellschaftlichen Rechnungslegung, die in vielen Bereichen eine Annäherung an die IFRS und eine Konvergenz zwischen internem und externem Rechnungswesen bewirken. Die Neuerungen erfordern eine Anpassung tradierter Buchungs- und Denkschemata. Die gilt im Einzel- und Konzernabschluss. Durch das BilMoG erfolgt eine Verschiebung weg von gesetzlichen Wahlrechten hin zu faktischen Ermessensspielräumen. Die vom Bilanzierenden in Anspruch genommenen bilanzpolitischen Möglichkeiten vollziehen sich künftig verstärkt außerhalb expliziter Berichtspflichten. Gleichzeitig gewinnen die Anhangberichterstattung sowie die Abgrenzung latenter Steuern an Bedeutung für eine zutreffende Bilanzanalyse. Neben die neuen bilanzpolitischen Möglichkeiten in der laufenden Rechnungslegung treten zudem die spezifischen Umstellungseffekte.

(3)      Steuerliche Bezüge

Mit dem Geschäftsjahr 2009 eröffnet das BilMoG dem Steuerpflichtigen die Möglichkeit einer eigenständigen Steuerbilanzpolitik. Durch das zunehmende Auseinanderfallen von Handels- und Steuerbilanz nimmt gleichzeitig die Bedeutung der latenten Steuern und damit einhergehend eines eigenständigen Tax Accounting zu. Zudem erfordert die Erstellung des handelsrechtlichen Jahresabschlusses künftig das Vorliegen belastbarer Steuerbilanzwerte. Dies stellt insbesondere im Mittelstand die Reihenfolge der Erstellung von Handels- und Steuerbilanz auf den Kopf; denn nunmehr müssen bereits bei Aufstellung des handelsrechtlichen Abschlusses die korrespondierenden steuerlichen Wertansätze bekannt sein.

(4)      Unternehmensüberwachung

Neue Bilanzierungs- und Bewertungsmöglichkeiten erfordern neue Risikomanagementsysteme und Richtlinien in der Unternehmensverfassung. Risikopotentiale müssen neu bewertet und der Katalog möglicher Risiken erweitert werden. Das BilMoG nimmt zudem unmittelbaren Einfluss auf die Arbeit und die Zusammensetzung des Aufsichtsrats durch Anforderungen an die persönliche Eignung der Mitglieder und die von diesen zu erfüllenden Aufgaben. Zudem ist die Erklärung zum Deutschen Corporate Governance Kodex künftig um die Begründung der Abweichungen von den standardisierten Vorgaben zu erweitern. Auch in mittelständischen, nicht börsennotierten Unternehmen müssen sich die Aufsichtsorgane mit den Auswirkungen auf den Rechnungslegungsprozess und veränderten Risikopotentialen auseinandersetzen.

(5)      Rechtliche und organisatorische Maßnahmen

Erst auf den zweiten Blick offenbart sich der aus dem BilMoG resultierende rechtliche Handlungsbedarf. Auch wenn keine kurzfristige Anpassung bestehender Ergebnisabführungsverträge an den neuen Wortlaut des AktG erfolgen muss, sind die Auswirkungen auf einzelne Bilanz- und GuV-Kennzahlen genau zu überdenken. Vergütungsvereinbarungen müssen ebenso angepasst werden wie gesellschaftsrechtliche Klauseln und Kreditverträge (Stichwort: Financial Covenants). Auch der entstehende organisatorische Aufwand darf nicht vernachlässigt werden: Konzernhandbücher, Kontenpläne, Buchungssystematiken, Richtlinien und vieles mehr müssen an die neuen Regelungen angepasst und Mitarbeiter rechtzeitig geschult werden.

(6)      Strategie und Unternehmenspolitik

Das BilMoG führt zur Notwendigkeit einer stärkeren Verzahnung einzelner betrieblicher Bereiche. Ein vernetztes Denken ist ebenso wichtig wie eine einheitliche Daten- und Steuerungsbasis für das gesamte Unternehmen und die Rechnungslegung. Die Auswirkungen der neuen Rechnungslegungsregelungen müssen in die gesamte Unternehmensstrategie eingebettet werden. Finanzierungsaspekte sind dabei ebenso zu hinterfragen wie Konsequenzen für die Ausschüttung.

Die aufgezeigten Schlaglichter zeigen, dass das BilMoG weit mehr ist als nur eine Rechnungslegungsreform. Die Veränderungen stellen das etablierte gesellschaftsrechtliche Schutzsystem ebenso auf die Probe wie die ehrbaren Kaufmannseigenschaften. Eine isolierte Herangehensweise an eine derart komplexe Problemstellung ist nahezu in allen Fällen zum Scheitern verurteilt. Vielmehr muss eine ganzheitliche Betrachtung der Veränderungen und unternehmensindividuelle Analyse erfolgen, um den Übergang und Umgang mit dem BilMoG erfolgreich gestalten zu können. In diesem Zusammenhang sind alle Interessengruppen gefordert: alle Unternehmenskoalitionäre müssen aus ihrem Blickwinkel heraus die jeweiligen Konsequenzen der Gesetzesreform kennen und auch würdigen (können).

 

(c) Dipl.-Kfm. StB Dr. Christian Zwirner

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